Die Hustenburg der Kölner

Das Waldkrankenhaus im Siegtal war ein Außenposten der städtischen Kliniken

Von Tobias Christ

Die Fahrt von Köln dauert etwa eine Stunde. Erst geht es über die Autobahn, als nächstes über gerade Landstraßen, dann über Serpentinen hoch in den Wald über dem Siegtal, wo die Greifvögel ihre Runden drehen und die Zeit langsamer zu vergehen scheint als in der Stadt. In einer Kurve taucht es dann plötzlich auf, das „Waldkrankenhaus der Stadt Köln“. Es ist das einzige Gebäude weit und breit, nahezu unverändert seit mehr als 110 Jahren. „Zauberberg“ wurde das hoch aufragende Jugendstil-Gebäude auch genannt – nach dem Roman von Thomas Mann, in dem der junge Hans Castorp seinen Vetter in der Abgeschiedenheit eines Sanatoriums besucht und vom geheimnisvollen Milieu der Lungenkranken in den Bann gezogen wird. Dass die Krankenhäuser Merheim, Holweide und die Kinderklinik an der Amsterdamer Straße zu den Kliniken der Stadt Köln gehören, ist bekannt. Weitgehend vergessen ist das Waldkrankenhaus in Windeck-Rosbach – das vierte Objekt der Kliniken, weit außerhalb der Stadtgrenzen und doch ein Stück Köln. Seit 2002 steht es nahezu ungenutzt am Hang oberhalb des Orts Rosbach. Der Betrieb war zu teuer geworden und die Tuberkulose, zu deren Behandlung das Anwesen geschaffen worden war, stellte kaum noch eine Bedrohung dar.„In Rosbach wurden in erster Linie »Pfleglinge« aufgenommen, die sich im ersten Stadium der Erkrankung befanden“, so Sigrid Krebs, Sprecherin der städtischen Kliniken: „Für sie kam die damalige »Konstitutionstherapie« in Frage.“ Dazu zählten unter anderem reine Luft, ausgewogene Ernährung, Ruhe, Bewegung sowie Abhärtung. Anreisen mussten die Patienten selbst, einen Aufzug gab es bewusst nicht – „um das Treppensteigen der Patienten zu fördern“, so Sigrid Krebs. Am 13. November 1902 wurde die „Stadtcölnische Auguste-Viktoria-Stiftung zu Rosbach an der Sieg“ eröffnet. Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Ärzteschaft waren vier Jahre zuvor im Gürzenich zusammengekommen, um die Errichtung einer Heilstätte für Lungenkranke des Stadtbezirks Köln zu erörtern. Die bakterielle Infektionskrankheit war ein wachsendes Problem. Bei 44 Prozent der Menschen, die 1890 in Preußen zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr starben, war Tuberkulose die Ursache. Wegen der prekären Wohn- und Lebensbedingungen mussten vor allem arme Bevölkerungsgruppen eine Ansteckung fürchten. Eine Kommission in enger Anbindung an die Stadt Köln suchte nach einem Grundstück, das höchstens eine Eisenbahnstunde von Köln entfernt liegen sollte, an oder in einem Wald und möglichst staub- und rauchfreieLuft bot. Außerdem sollte es ge-gen Nord-, Ost- und WestwindeSchutz bieten. In Rosbach wurdeman fündig, der eigens gegrün-dete „Kölner Heilstättenverein“ unter Vorsitz von Oberbürger-meister Wilhelm Becker kaufte ein 95 Morgen großes Areal in steiler Hanglage, wo am 14. März 1900 in 280 Metern über dem Meeresspiegel der erste Spatenstich gesetzt wurde. Der Heilstättenverein trieb zur Finanzierung des Projekts 200 000 Mark Spenden auf, die Stadt gewährte ein Darlehen von 50 000 Mark. Doch die tatsächlichen Kosten lagen bei mehr als 900 000 Mark. Das meiste Kapital steuerte die Landesversicherungsanstalt bei. KölnerVereine, etwa die„Große Allgemeine Karnevalsgesellschaft“, spendeten in den Folgejahren immer wieder für die Heilstätte. Das Haus sei das Ergebnis großen bürgerschaftlichen Engagements in Köln gewesen, sagt Sigrid Krebs. Vor allem Arbeiter und Angestellte wurden aufgenommen um langfristig ihre Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Die anfänglichen 130 Plätze wurden später auf 180 erweitert. Zur Therapie zählten neben kräftiger Ernährung „bei genau geregelter Lebensweise“ eine „individuelle Dosierung von Ruhe und Bewegung“ sowie eine „streng hygienische Erziehung“, wie es in einem Beitrag von Monika Frank im Buch „Kölner Krankenhaus-Geschichten“ heißt. Die offenen Liegehallen hatten während der bis zu 13-wöchigen Kuraufenthalte eine große Bedeutung, aber auch der 70 Quadratmeter große Saal mit den farbigen Fenstern. „Der Saal war Ort der Belehrung, die zu einer umfassenden Einstellungs- und Verhaltensänderung des Pa-
tienten führen sollte“, schreibt

Anwohner fürchteten eine Ansteckung durch die Patienten

Monika Frank. Auch „kinematografische Bilder“ wurden hier gezeigt und Feste gefeiert. Wer allerdings ins Dorf ging, um sich die Zeit zu vertreiben, musste mit sofortiger Entlassung rechnen. Viele Rosbacher fürchteten eine Ansteckung durch die Patienten der „Hustenburg“ genannten Anstalt, wie sich Franz-Josef Bernhart, Vorsitzender des „Fördervereins Historisches Rosbach“ erinnert. Noch in den 1960er Jahren sei in manchen Gaststätten ein Verbot für Menschen aus der Heilanstalt ausgesprochen worden. Besuche im Krankenhaus wiederum waren nur mit Genehmigung des Direktors gestattet. Die Pflege der Patienten übernehmen ab 1924 die Kölner Augustinerinnen, während der NS-Zeit werden sie von Schwestern der „Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt“ abgelöst. 1945 kehren die Augustinerinnen zurück. Zur Heilstätte, die seit 1936 von der Stadt Köln verwaltet wird, gehören Waldflächen, aber in den ersten Jahren auch Acker-, Garten- und Weideland sowie eine Gärtnerei. So konnte sich der Kurbetrieb weitgehend selbst versorgen– besonders im Ersten Weltkrieg habe sich dieses System sehr bewährt, heißt es in einer Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Einrichtung. In einer nahe gelegenen Gebetsstätte im Wald, die mittlerweile wieder instand gesetzt wurde, können die Erkrankten um Heilung beten. Doch auch nach mehrwöchigem Aufenthalt leiden viele noch immer an Symptomen. Dennoch verlassen einige Patienten die Heilstätte vorzeitig. Aus Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. „Bei vielen Arbeitgebern waren sie nicht gern gesehen“, so Monika Frank. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs finden unter anderem der Kölner Gesundheitsdezernent, der Kämmerer und das Rote Kreuz Zuflucht vor den Bombardierungen auf Köln. Auch die Universitäts-Frauenklinik zieht kurzfristig um. Patientinnen, Säuglinge und Instrumente werden mit einem Militär-Lkw nach Rosbach gebracht. Nach dem Krieg verbessert sich die Lage der Patienten allmählich: Dank neuer Medikamente sind sie nicht mehr auf Heilstätten angewiesen. Zunehmend kommen Menschen mit anderen Lungenerkrankungen in das Waldkrankenhaus. Wer noch mit Tuberkulose aufgenommen wird, gehört in der Regel zu den „Randgruppen“ der Gesellschaft: Obdachlose etwa, Alkoholiker und Sozialhilfeempfänger. Auch multiresistente Tuberkulose-Formen, die den meisten Antibiotika trotzen, werden behandelt. 2002 wird das Sanatorium geschlossen. Pläne, es in eine psychiatrische Klinik für Untersuchungshäftlinge umzuwandeln, scheitern am Protest vieler Einheimischer. „Es gab immer mal wieder Interessenten“, sagt Sigrid Krebs. Doch alle bisherigen Versuche, den „Zauberberg“ zu reaktivieren, seien gescheitert. Derzeit seien noch frühere Dienstwohnungen vermietet. Das Gebäudebefinde sich in einem guten Zustand, der dennoch große Investitionen bei einer Inbetriebnahme erfordere. Das Anwesen werde regelmäßig überprüft, bewacht, beleuchtet und beheizt. Und ab und zu kommt ein Wanderer vorbei und wundert sich über das sonderbare Märchenschloss oberhalb des Siegtals.

Abdruck mit Genehmigung des Autors Tobias Christ.
Vielen Dank an Willi Robertz für den Einsatz und den Hinweis.



Quellen:
Tobias Christ, Kölner Stadt Anzeiger, Dienstag, 3. September 2019
https://de.wikipedia.org/wiki/Auguste-Viktoria-Stiftung
https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberberg
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Auguste-Victoria-Stift.jpg#/media/Datei:Auguste-Victoria-Stift.jpg
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Rosbach,_Waldkrankenhaus.jpg#/media/Datei:Rosbach,_Waldkrankenhaus.jpg

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